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Wirtschaft & Boerse
06.07.2008 | 12:05 Uhr

(Feature) Der Steiger kommt zurück - Im Erzgebirge sorgen gestiegene Rohstoffpreise für die Wiederbelebung des Erzbergbaus --Von ddp.djn-Korrespondent Hendrik Lasch-- (Mit Bild und Infokasten)





Freiberg (ddp.djn). Horst Richter will der erste sein. Im Jahr 2010 will der Geologe mit einer Tochterfirma seines Freiberger Ingenieurbetriebs Geos im sächsischen Erzgebirge ein neues Kapitel Bergwerksgeschichte einläuten. Im Ort Niederschlag unweit des Fichtelbergs soll dann eine Grube eröffnet werden, in der Fluss- und Schwerspat gefördert werden. Es wäre ein historisches Ereignis: Der Erzbergbau im Erzgebirge, der vor 18 Jahren nach 800-jähriger Geschichte eingestellt wurde, käme wieder in Gang. Die Menschen in der vom Bergbau geprägten Region sind elektrisiert. Schon gehen Bewerbungen ehemaliger Bergleute ein. «Die Reaktion im Gebirge», sagt Ingenieur Richter sachlich, «ist sehr positiv.»

Noch steht Richter nicht in einem Stollen des Bergwerks, sondern sitzt in einem Büro in Freiberg. Im Regal liegen Erinnerungsstücke, darunter das Modell einer Grubenlampe. Richter hat das vermeintlich letzte Kapitel Bergbaugeschichte im Erzgebirge, das 1991 mit der Schließung der Zinngrube Altenberg zu Ende ging, miterlebt: Als Mitarbeiter eines DDR-Erkundungsbetriebes untersuchte er eine Vielzahl von Lagerstätten. Die habe er «nie aus den Augen verloren». Für die Öffentlichkeit indes war der Erzbergbau zwischen Altenberg und Aue mit dem Ende der DDR Geschichte: Die Erzgänge, hieß es, seien erschöpft oder enthielten Metalle nur noch in so geringer Konzentration, dass sich der Abbau nicht mehr lohnt.

Das hat sich gründlich geändert - vor allem dank explodierender Nachfrage auf dem Weltmarkt. Der Preis für Flussspat, der zur Herstellung von Fluor und als Flussmittel in der Metallindustrie dient, sei binnen eines halben Jahres von 270 auf 340 Dollar je Tonne gestiegen, sagt Richter: «Eine Preisentwicklung, die ermutigt.» Ähnlich ist die Lage bei anderen Metallen. Zinn, von dem allein um Altenberg im Osterzgebirge rund 130 000 Tonnen vermutet werden, kostet 12 000 Euro je Tonne, dreimal mehr als noch vor wenigen Jahren. Die Förderung könnte sich vor diesem Hintergrund wieder lohnen, sagt Peter Horler, Sprecher des Sächsischen Oberbergamtes in Freiberg. «Das entscheidende Kriterium sind die Preise auf dem Weltmarkt.»

Horler belegt das gestiegene Interesse an Rohstoffen im Freistaat mit einer Karte, auf der an einem Dutzend Stellen die gekreuzten Hämmer als Symbol für Bergbau eingezeichnet sind. Eingetragen sind Lagerstätten mit Zinn und Wolfram ebenso wie ein spektakuläres Kupfervorkommen in der Lausitz, wo in einem Kilometer Tiefe Erz mit einem Kupfergehalt von 1,5 Millionen Tonnen vermutet wird. Für insgesamt zehn Lagerstätten seien bei seiner Behörde Anträge auf Erkundung gestellt worden, sagt Horler. Für das Vorkommen in Niederschlag hat die GEOS-Tochter «Erzgebirgische Fluss- und Schwerspat-Company» sogar die Bewilligung erhalten: Aufschluss und Förderung können dort beginnen.

Nicht nur beim Oberbergamt wird nun ein altehrwürdiger Begriff wieder hervorgeholt: «Neues Berggeschrey», ist die Karte überschrieben. Mit dem Terminus wurde im Mittelalter der Ansturm von Glückssuchern und Unternehmern auf das Erzgebirge bezeichnet, nachdem dort ab 1168 Lagerstätten mit Silber, Zinn und anderen Metallen erschlossen wurden. Für das neue «Berggeschrey» sind die Voraussetzungen gut. Wo aussichtsreiche Vorkommen lagern, ist genau bekannt. Das Erzgebirge sei die «geologisch am besten untersuchte Region der Welt», sagt Uwe Lehmann, Referatsleiter beim Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie (LfUG). Die Behörde hat das Wissen neu bewertet und will demnächst das Ergebnis vorlegen: eine Publikation namens «Rosa» (Rohstoffe Sachsen) mit Angaben zu Lagerstätten ebenso wie verschiedenen Fachbeiträge. Eine so systematische Erfassung der Daten, sagt Lehmann, gebe es «in keinem anderen Bundesland». Aufgeführt werden 136 Spat- und Erzvorkommen.

Tatsächlich ausgebeutet werden dürften freilich auch künftig nur die wenigsten. Ein «Hauptknackpunkt», sagt Lehmann, sei die Aufbereitung des Erzes. Dafür müssten, wie Geos-Geschäftsführer Horst Richter bekräftigt, teilweise noch Technologien erfunden oder industriell erprobt werden. Für alle Lagerstätten, bei denen Aussicht auf wirtschaftliche Förderung besteht, hätten sich aber bereits Interessenten gefunden: «Die besten Claims», sagt Richter, «sind verteilt.»

Im Erzgebirge weckt die Entwicklung große Erwartungen. In den Gruben könnten jeweils Arbeitsplätze «in niedriger dreistelliger Zahl» entstehen, sagt Bergamts-Sprecher Horler. Damit sie auch besetzt werden können, werden an einer Berufsschule der Region bereits wieder «Berg- und Maschinenmänner» ausgebildet, von denen die ersten 15 ihre Lehre bald abschließen. In Anspielung auf das berühmteste Bergmannslied kann es daher nun im Erzgebirge heißen: «Glück auf! Der Steiger kommt - zurück.»

ddp.djn/hel/rab

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