54 Stunden Angst
Vor 20 Jahren sorgte das Geiseldrama von Gladbeck für Aufregung
Diese «Pressekonferenz» war grotesker Höhepunkt einer Straftat, die vor 20 Jahren Deutschland beschäftigt hat. Für 54 Stunden hielten die Berufsverbrecher Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski Polizei und Öffentlichkeit in Atem, zwei Geiseln und ein Polizeibeamter verloren in dieser Zeit ihr Leben.
Alles begann am 16. August 1988 mit einem Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank im Gladbeck. Noch bevor die Räuber Rösner und Degowski fliehen können, erreicht die Polizei den Tatort. Die beiden Männer verschanzen sich mit zwei Bankangestellten, fordern Lösegeld sowie einen Fluchtwagen - und geben einem Radiosender ein erstes Live-Interview.
Bei der anschließenden Irrfahrt durch Deutschland und die Niederlande stehen die Täter immer wieder Journalisten Rede und Antwort, beobachtet von einen hilflosen und überforderten Polizei. Diese kann nicht verhindern, dass bereits kurz nach dem Banküberfall auch Rösners Freundin mit in den Fluchtwagen steigt.
Als Desaster erweist sich besonders die Situation am zweiten Tag in Bremen. Dort können die Täter zunächst unbehelligt einen vollbesetzten Linienbus kapern und damit bis zu einer Autobahnraststätte fahren. Hier nehmen Polizeibeamte eigenmächtig Rösners Freundin fest, als diese mit einigen Geiseln die Toilette aufsuchen will.
Das von den Tätern gesetzte knappe Ultimatum für die Freilassung ihrer Komplizin verstreicht, weil den Beamten der Schlüssel zu den Handschellen der Frau abbricht. Prompt schießt Degowski im Bus der fünfzehnjährigen Geisel Emanuele De Giorgi in den Kopf. Der Junge verblutet, auch weil die Polizei versäumt hat, beizeiten einen Rettungswagen zum Einsatzort zu beordern. Anschließend fahren die Täter mit ihren Geiseln weiter. Bei ihrer Verfolgung verunglückt ein Polizist tödlich.
Später attestiert ein Untersuchungsausschuss der Bremer Polizeiführung ein «hohes Maß an Inkompetenz». Innensenator Bernd Meyer (SPD) übernimmt die Verantwortung und tritt zurück.
Am dritten Tag, bei der bizarren Inszenierung vor dem Kölner Pressehaus, haben Rösner und Degowski längst ihre Rollen gefunden. «Tot sein ist schöner als wie ohne Geld», diktiert der 31-jährige Rösner den Reportern in die Blöcke. Und Degowski hält der 18-jährigen Geisel Silke Bischoff den Revolver unter das Kinn, damit die Fotografen und Kamerateams ihre Bilder bekommen.
Wenige Stunden später ist die junge Frau tot. Sie wird von Rösner beim chaotischen Zugriff der Polizei auf der A 3 bei Bad Honnef erschossen, die zweite Geisel Ines V. wird verletzt. Erneut war es zu einer folgenschweren Panne gekommen. Das von Tätern in den Niederlanden erpresste Fluchtfahrzeug war von der dortigen Polizei so präpariert worden, dass man es über Funk blockieren konnte. Allerdings hatte die deutsche Polizei die dafür erforderliche Fernbedienung vergessen.
Nach Gladbeck hat die Polizei Konsequenzen aus der Pannenserie und dem Kompetenzwirrwarr gezogen. Heute gilt die Maxime, bei Geiselnahmen unbedingt die Weiterfahrt der Täter zu unterbinden. Inzwischen wird bei spektakulären Fällen die Einsatzleitung gebündelt, und länderübergreifende Einsätze werden besser koordiniert.
Auch die Medien übten sich in Selbstkritik angesichts der Inszenierung, die das US-Nachrichtenmagazin «Newsweek» «The Hans and Dieter Show» nannte. So sagte der damalige Chefredakteur des Süddeutschen Rundfunks, Ernst Elitz: «Wenn Interviews mit Geiselnehmern und Mördern, mit Geiseln, die die Pistole am Kopf haben, im Fernsehen gezeigt werden, dann halte ich das für eine eklatante journalistische Fehlentscheidung.»
Der Deutsche Presserat sah das ähnlich. Wenige Wochen nach Gladbeck stellte das Gremium fest, dass es «Interviews mit Geiselnehmern während des Geschehens nicht geben darf». Allerdings betonten einige Journalisten, dass sie in Gesprächen die Freilassung mehrerer Geiseln erreicht haben.
Bis heute verbüßen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski lebenslange Freiheitsstrafen. Sie werden voraussichtlich bis zu den Jahren 2013 beziehungsweise 2016 in Haft sein.
(ddp)
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