Berlin rund um die Uhr
Profis und Laien drehen 24 Stunden lang das Berliner Leben - Sendematerial für 1000 Stunden aufgenommen
Die mit der Produktion von «24h Berlin» beauftragte Firma zero one film ist am Freitag das Hauptquartier für ein Heer von Filmschaffenden. Großmann zum Beispiel koordiniert zusammen mit neun Kollegen die Aufnahmeleiter an den Drehorten. «Wir bekommen Zwischenstände und registrieren Probleme», sagt Großmann. «Fehlt irgendwo eine Drehgenehmigung oder muss der Drehort getauscht werden, helfen wir.«
Gegen 10.00 Uhr meldet sich ein Team bei Großmann zurück, dass seit 4.00 Uhr früh in der Clubszene unterwegs war. Es hat jetzt erst einmal zwölf Stunden Pause und darf sich in Versorgungszelten im Hof verpflegen. Vorher liefert das Team seine mit Filmmaterial bestückten Datenspeicher eine Etage tiefer ab. In diesem Rechenzentrum agieren »Herunterlader« wie Patrick Conrad. Er hat sich mit seinen Kollegen einen Spaß gemacht und als Hommage an die Pioniere des Fernsehen einen weißen Kittel angezogen.
Die «Herunterlader» sammeln das komplett im hochauflösenden Format gedrehte Material in einer Vielzahl von Computern. Mit den Filmen der 80 Profiteams und den von Laien eingesandten Aufnahmen werden bald 1000 Stunden Sendematerial vorliegen, was rund 30 Terabyte entspricht, - Daten für fast 7000 DVD. »Gigantisch« nennt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Freitag das vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und dem Medienboard Berlin-Brandenburg mit knapp drei Millionen Euro geförderte Vorhaben.
Zu den Laienteams, die sich von morgens bis nach Mitternacht aufmachen, gehören zum Beispiel Felix Gräfe, Chris Henry und Julian Steinemann. Unter dem Motto »24h, 24 Berliner« filmen sie Bürger bei alltäglichen Situationen: am Morgen den kaffeetrinkenden Arbeiter an einem Steglitzer Imbiss, vormittags den Sprecher eines Jobcenters, mittags Kameraden der Feuerwehr. Ergänzt werden die Laien durch zwölf Teams an sogenannten Talkpoints. An diesen über das Stadtgebiet verteilten Stationen können Bürger über sich erzählen. An der Weltzeituhr am Alexanderplatz spricht zum Beispiel Stéphane in das Mikrofon, der in Berlin Deutsch studiert. Er schwört auf die Kultur der Stadt und beschwert sich über die »Kälte beim Wetter und den Menschen'. Gleich, so sagt er noch, werde er eine Currywurst essen.
Für solche Dokumentationen über Berlin gibt mehrere Vorbilder. Als Klassiker gilt »Berlin: Die Sinfonie der Großstadt« von Walter Ruttmann (1927). Der von den späteren Hollywoodgrößen Fred Zinnemann, Robert Siodmak und Billie Wilder 1929 gedrehte Stummfilm »Menschen am Sonntag« ebenso. 2002 schuf Thomas Schadt für den Südwestfunk (SWR) »Berlin: Sinfonie einer Großstadt«.
(ddp)
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