© Miguel Alvarez/AFP
Margot Honecker nahm die Ehrung stellvertretend für ihren 1994 verstorbenen Mann entgegen
Von Tobias Käufer, Managua
Nicaraguas Präsident Daniel Ortega lud zum 29. Jahrestag der sandinistischen Revolution. Prominente Gäste sammelten sich auf der Ehrentribüne: Nicht nur Che Guevaras Witwe war anwesend, auch Margot Honecker ließ sich feiern.
Fast war es wie früher: Während vorne die Massen marschieren, reckt sie
auf dem Podium die geballte Faust gen Himmel. Margot Honecker, Ehefrau
des ehemaligen DDR-Staatrsratsvorsitzenden
Erich Honecker genoss ihren
Auftritt bei den Feierlichkeiten zum 29. Jahrestag der sandinistischen
Revolution in Nicaragua. Die Haare schneeweiß, während um den Hals eine
schlichte Kette baumelt: Die ehemalige Ministerin für Volksbildung der
DDR wirkte trotz ihrer mittlerweile 81 Jahre topfit. Wie sehr ihr der
Jubel der Massen gefiel, verriet das stolze Lächeln Gesicht. Als Nicaraguas Liedermacher Philip Montalván auch noch den sozialistischen Gassenhauer "Ein vereintes Volk wird niemals besiegt" aus voller Brust zum Best gab, war es fast so wie früher in Ost-Berlin oder Moskau. Allerdings wird das Lied wohl kaum eine Anspielung auf das wiedervereinte Deutschland gewesen sein.
Die Sprecherin und Frau des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega,
Rosario Murillo, hatte schon vor den Feierlichkeiten den Grund für eine
Ehrung verraten, die Margot Honecker für ihren Mann Erich
stellvertretend entgegennahm: "Er war so solidarisch, so besonders, so
liebevoll zu dem freien Volk von Nicaragua." Der frühere DDR-Staats-
und Parteichef, der 1994 in Santiago de Chile starb, sei einer der
Hauptverbündeten der ersten sandinistischen Regierung unter Ortega in
den 80er Jahren gewesen, jubelte Murillo. Eine herzliche Umarmung der
beiden Damen auf der Ehrentribüne in Managua sollten diese Worte noch
einmal unterstreichen. Die beiden Familien verband auch nach dem Fall
der Mauer in Deutschland noch eine enge Freundschaft. Daniel Ortega
hatte
Erich Honecker 1992 in Berlin-Moabit in der Haft besucht. So etwas
vergisst man nicht. Da spielt es auch keine Rolle, dass sich durch das
Leben des Ehrengastes eine unappetitliche Spur von
Menschenrechtsverletzungen zieht.
Stasi-Experten als Berater
Doch nicht nur Sentimentalitäten verbanden die beiden Länder: Honecker
schickte seine Stasi-Experten als Berater nach Nicaragua, um dort einen
Geheimdienst aufzubauen. Waffenlieferungen rundeten das gelieferte
sozialistische Sorglospaket aus Ostberlin ab, schließlich befand sich
das Land damals in einer blutigen Auseinandersetzung mit den von den USA
hochgerüsteten "Contras". Auch ein Krankenhaus baute die DDR in Nicaragua.
Margot Honecker lebt seit 1992 in Chile. Die gelernte Stenotypistin und
Telefonistin heiratete den damaligen FDJ-Vorsitzenden Honecker 1953.
Fünf Jahre später wurde sie Stellvertreterin des Volksbildungsministers,
1963 übernahm sie selbst das Amt und übte es bis zur Wende 1989 aus.
Angeblich soll sich die Urne mit Asche ihres Mannes im Haus befinden.
Nur das Beste aus der sozialistischen Welt war für den Sandinisten für
die Feierlichkeiten in der Hauptstadt gut genug: Die Gästeliste des
Massenauflaufs in Managua ließ sich wie ein "Who is Who" der linken
Welt: Aus Venezuela war Lautsprecher
Hugo Chavez angereist, Paraguay
schickte den abtrünnigen katholischen Ex-Bischof und neuen Präsidenten
Fernando Lugo, aus Kuba ließ sich Vizepräsident Esteban Lazo blicken.
In diesem Kreis fühlte sich Nicaraguas Staatspräsident Daniel Ortega
Saavedra sichtlich wohl, doch den entscheidenden Kick bekam die
revolutionäre Retro-Party erst durch die Auszeichnungen an zwei Damen
mit besonders prominenter kommunistischer Vergangenheit.
Auszeichung für Che Guevaras Witwe
Margot Honecker nahm die Auszeichnung "Orden Cultural Rubén Darío"
entgegen, eine der höchsten Auszeichnungen, die das Land zu vergeben
hat. Benannt ist der Orden nach einem nicaraguanischen Nationaldichter
des vergangenen Jahrhunderts. Aleyda March, Witwe des legendären
lateinamerikanischen Guerilleros Che Guevara durfte sich im Beisein der
Tochter Aleida Guevara March derweil über eine Auszeichnung für ihre
Unterstützung der Kultur und Kunst in Nicaragua freuen. Damit nicht
genug, auch für Chiles 1973 im Zuge des Militärputschen umgekommenen
Präsidenten
Salvador Allende gab es posthum den Orden "Augusto C.
Sandino". Enkel Gonzalo Meza Allende nahm diese Auszeichnung entgegen.
Die, die den Sandinisten nahe stehen, feierten den Tag mit Konzerten,
Party und Autokarawannen. Die Opposition hatte sich schon vorher
lautstark zu Wort gemeldet. Mit zwei großen Demonstrationen forderte sie
den Rücktritt Ortegas. Nach Angaben der Behören hatten sich über 300.000
Anhänger Ortegas aus dem ganzen Land auf den Weg in die Hauptstadt
gemacht, um bei den Revolutionsfeierlichkeiten teilnehmen. Ein Großaufgebot
von 3000 Polizisten war für deren Sicherheit im Einsatz.
Am 19. Juli 1979 stürzten die sandinistischen Kräfte den
nicaraguanischen Diktator Anastasio Somoza und übernahmen die Macht im
Lande. Daniel Ortega war bereits von 1985 bis 1990 Präsident in
Nicaragua, ehe nach einer Wahlniederlage abtreten musste. Sein
politisches Comeback feierte Ortega 2006, als er zum zweiten Mal zur
politischen Nummer eins des Landes gewählt wurde. Rund 38 Prozent der
Stimmen reichten angesichts des Wahlrechts in Nicaragua um wieder ins
Präsidentenamt gelangen zu können.
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