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Krieg am Kaukasus
Russen werfen Georgiern Völkermord vor
© David Mdzinarishvili/Reuters
Wer ist für die Kriegsverbrechen in Georgien verantwortlich? Russland und Georgien beschuldigen sich wechselseitig
Auf den militärischen Krieg folgt nun der juristische: Russland hat 100 Ermittler nach Georgien geschickt, die Beweise für einen Völkermord durch Georgien sammeln sollen. Georgien wiederum will gegen Russland vor den Internationalen Gerichtshof ziehen.
Die russische Justiz hat Ermittlungen wegen des Verdachts auf Völkermord durch georgische Truppen in Südossetien eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft in Moskau prüfe Hinweise, nach denen "Handlungen der bewaffneten georgischen Kräfte darauf abzielten, Bürger der Russischen Föderation mit ossetischer Nationalität auszulöschen", sagte Generalstaatsanwalt Igor Komissarow. Um die Fakten festzuhalten, seien rund 100 Ermittler in die abtrünnige georgische Provinz Südossetien geschickt worden.
Laut Komissarow erwägt Russland, einen internationalen Gerichtshof ins Leben zu rufen. Dort solle den georgischen Verantwortlichen, die im Verdacht des Völkermords stehen, der Prozess gemacht werden. Südossetien gehört trotz seiner Abspaltung völkerrechtlich weiterhin zu Georgien, wird wirtschaftlich jedoch von Russland unterstützt. Die meisten Bewohner der Region haben russische Pässe.
Am Mittwoch hatte Georgien wiederum Russland wegen Diskriminierung von Bürgern in den abtrünnigen Gebieten Südossetien und Abchasien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verklagt. Das oberste Gericht der Vereinten Nationen soll Russland auffordern, seinen Verpflichtungen zur Beseitigung jeder Form der Rassendiskriminierung nachzukommen.
Georgien wirft Russland in seiner Beschwerdeschrift vor, seit 1990 Gräueltaten gegen dort lebende Georgier und eine gewaltsame "ethnische Säuberung" unterstützt zu haben. Zudem behält sich Georgien eine Klage auf Grundlage der Völkermordkonvention vor.
Bush will die "freie Welt hinter sich versammeln"
Vor dem Hintergrund des Kaukasus-Konflikts wird auch der Ton zwischen Washington und Moskau immer harscher. In seiner ersten ausführlichen Stellungnahme zum Krieg in Georgien warnte Bush die Regierung in Moskau vor schwerwiegenden Folgen. Zudem forderte er Russland auf, alle Militäraktionen in der Kaukasus-Republik einzustellen und die entsandten Truppen zurückzuziehen. "Zum Schutz eines freien Georgiens" würden die USA die "freie Welt hinter sich versammeln", sagte Bush.
Als Zeichen der Unterstützung für die "demokratisch gewählte Regierung Georgiens" entsandte er Außenministerin
Condoleezza Rice nach Paris und Tiflis. Rice warnte die russische Regierung vor Großmachtambitionen im Stil der ehemaligen Sowjetunion. Wenige Stunden vor ihrem Abflug nach Paris sagte sie, Russland müsse sich für sein Vorgehen in Georgien "auf internationale Verurteilung einstellen". "Das ist nicht wie 1968 bei der Invasion der Tschechoslowakei, wo Russland einen Nachbarn bedrohen, die Hauptstadt besetzen, eine Regierung stürzen und damit durchkommen kann", so die Außenministerin weiter.
Russland müsse umgehend alle militärischen Operationen beenden und "anfangen, aus dem Loch herauszukommen, in dem es steckt", sagte Rice. Sollte Moskau den Waffenstillstand weiter verletzten, "wird das nur zu einer vertieften Isolation Russlands führen". Das Vorgehen Moskaus werfe die Frage auf, ob Russland der passende Partner für eine Reihe von internationalen Gremien sei.
Erste US-Hilfslieferungen in Tiflis angekommen
Das Weiße Haus bemühte sich anschließend, die Wogen etwas zu glätten. Präsidentensprecherin Dana Perino sagte, die Beziehungen zwischen Russland und den USA seien nicht "gegnerisch". Sie könnten am besten als "komplex und kompliziert" beschrieben werden. Zugleich kündigte Washington massive humanitäre Hilfslieferungen an, die mit US-Militärflugzeugen in die Kaukasusrepublik gebracht werden sollen. Nach Angaben des Weißen Hauses traf eine erste Transportmaschine vom Typ C-17 Galaxy bereits in Tiflis ein.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow stellte Washington dagegen vor die Wahl zwischen der Unterstützung Georgiens und einer Partnerschaft mit Russland. Washington müsse sich zu einer "echten Partnerschaft" mit Moskau bekennen und sich entscheiden zwischen der Fortführung des "virtuellen Projekts" einer georgischen Führung oder der Zusammenarbeit mit Russland in international wichtigen "Fragen, die wirklich kollektives Handeln erfordern". "Wir verstehen im Großen und Ganzen, dass die USA die Führung des Landes Georgien als spezielles Projekt auffassen", sagte Lawrow. Nun gehe es aber um wichtigere Fragen.
Am Mittwoch hatte Georgiens Präsident
Michail Saakaschwili die Lage zusätzlich angeheizt. Er warf Russland vor, nie an einem Waffenstillstand interessiert gewesen zu sein. Moskaus Panzer "rücken langsam aber sicher weiter auf Tiflis zu", sagte Saakaschwili in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN. "Sie fahren damit fort, unsere Demokratie zu strangulieren", erklärte er. Moskau sei an keinem Dialog mit der georgischen Führung interessiert, so der Staatschef weiter. "Sie bringen uns doch sowieso um."
Das georgische Außenministerium beschuldigte Russland, seine Truppen erneut in die Hafenstadt Poti am Schwarzen Meer geschickt zu haben. Außerdem habe Moskau seine Truppen in der Stadt Gori südlich der abtrünnigen Provinz Südossetien verstärkt. Zuvor hatte es geheißen, dass georgische Sicherheitskräfte langsam wieder die Kontrolle über Gori übernehmen würden.
Artikel vom 14. August 2008
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