Zwischenruf


Die Knute der Rendite




Von Hans-Ulrich Jörges

Die Politik will den Managern ans Geld, denn beim Volk ruinieren sie den Ruf der sozialen Marktwirtschaft. Doch Deutschlands Konzernlenker sind selbst Opfer des börsengetriebenen Wirtschaftssystems.

Wir kennen ihre Gesichter: maskenhaft starr oder zwanghaft lächelnd. Wir kennen ihre Pleiten und Skandale: Arbeiter vor Fabriktoren, Fahnder in Vorstandsetagen. Wir kennen auch, selbstverständlich, ihre Gehälter: aufgereihte Gesichter auf Zeitungsseiten, daneben exorbitante Summen - Josef Ackermann (Deutsche Bank): 14,34 Millionen, Peter Löscher (Siemens): 11,49 Millionen …

Wir meinen sie zu kennen, doch in Wahrheit wissen wir nichts von ihnen. Wie sie leben, wen sie lieben, was sie quält, wovor sie sich fürchten, wie sie schlafen, welche Medikamente sie nehmen, was ihre Frauen an ihnen beobachten - zwischen Größenwahn, Angst und Depression. Politiker kennen wir besser, Fußballer erst recht, Schauspieler am besten. Die spreizen sich in Talkshows, frühstücken vor Fotografen, entblößen ihre Scheidungen, posieren mit der Neuen.
 

Vier Jahre ist ein Vorstandschef durchschnittlich im Amt.

Wer morgen schon vor der Tür sitzen kann, der nimmt mit, was er greifen kann
Manager aber sind eine abgeschottete Kaste, die letzte in der Mediengesellschaft - von Kardinälen einmal abgesehen. Sie hüten ihr Privates, verbergen ihre Gefühle, beschweigen ihr Menschsein. Gestanzte Interviews, prickelnd wie das Kursbuch der Bahn, kalte Reden auf Aktionärsversammlungen, tonlos vom Blatt gelesen, sind das Äußerste an Entäußerung. Die meisten können gar nicht reden, das gehört - erstaunlich - noch immer nicht zum Anforderungsprofil ihres Jobs. Mit anderen zu streiten, im Fernsehen unter den Augen von Millionen für sich und ihre Überzeugungen zu kämpfen, das fürchten sie wie Vampire das Tageslicht.

Den Konzernlenkern trauen nur neun Prozent
Also prägen die maskenhaften Gesichter, die Pleiten und Skandale, die Interview-Stanzen und die exorbitanten Saläre das Bild der Konzernlenker. Hochmut, Unmoral und Gier werden daraus abgeleitet. Neun Prozent der Deutschen vertrauen ihnen noch, weniger als dem Zentralrat der Muslime. Das ist der letzte Platz unter den Eliten des Landes.
 

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges

Und das hat politische Folgen. Im Herbst wollen Union und SPD den Managern auferlegen, was sie noch keinem anderen Berufsstand zugemutet haben: Beschränkungen der Gehälter. Die Konservativen sanfter als die Sozialdemokraten, aber auch sie. Denn die Manager, so heißt es, haben das gesamte Wirtschaftssystem in Misskredit gebracht, der sozialen Marktwirtschaft die Legitimation geraubt, das gesellschaftliche Klima gekippt und Reformen zum Unwort gemacht, zum Synonym für Ungerechtigkeit. "Neidgesellschaft" lautet die unbeholfene Antwort der Beneideten an die Gesellschaft. Sie verhallt nicht nur wirkungslos, sie wird als Beleg genommen für die Uneinsichtigkeit der Unbeholfenen.

Heuern und feuern
Dabei hätten die Manager Argumente. Wenn sie darüber redeten, dass sie nicht nur die Peitsche schwingen, sondern selbst unter der Peitsche leben. Und mit welchen Ängsten, unter welchen Machtkämpfen und Intrigen. Sie heuern und feuern nicht nur, sie werden selbst geheuert und gefeuert. Vier Jahre sind die Vorstandschefs der Dax-Konzerne durchschnittlich im Amt. Das Tempo der Vorstandswechsel in Europa ist doppelt so hoch wie in den USA - und in Deutschland zweimal so schnell wie im Rest Europas. Von 189 Dax-Vorständen, recherchierte die "Frankfurter Allgemeine", sind 123 erstmals in einer Vorstandsposition. 35 Prozent scheitern schon in den ersten 18 Monaten. Deshalb werden "Rundum-Sorglos-Pakete" geschnürt, "goldenene Fallschirme" selbst für versagende Manager.
 
Die Knute der Rendite, der Druck auf kurzfristigen, zweistelligen Ertrag anstelle einer langfristigen Strategie, schlägt auch die Manager. Bis zu 90 Prozent ihres Einkommens sind nicht fest vereinbart, sondern gewinnabhängig, großenteils durch Aktienoptionen. Der Börsenkurs wird zum entscheidenden Maßstand. Wer morgen schon vor der Tür sitzen kann und so konditioniert ist, nimmt mit, was er greifen kann. Geht halsbrecherische Risiken ein, wie die Banker auf dem faulen amerikanischen Hypothekenmarkt. Generiert besinnungslos Wachstum, presst und spart, beschädigt selbst Produkte. Die Debatte macht Manager zu Tätern, doch sie sind selbst Opfer des börsengetriebenen Systems. Ein jährlicher Bericht über ihre soziale Lage, von einem Wirtschaftsinstitut erstellt, könnte das transparent machen.

Einer hat sich dem wahnwitzigen System entzogen: Wendelin Wiedeking, seit 15 Jahren Porsche-Chef, weigert sich, Quartal für Quartal Bericht zu erstatten und sich von Investment- Schnöseln grillen zu lassen. "Götzendienst" am Shareholder Value nennt er das. Manager würden zu "Zockern und Zynikern". Ironischerweise beweist gerade er, dass eine andere Konzernkultur am meisten abwerfen kann: Wiedeking hat dieses Jahr Aussicht auf 100 Millionen Euro Einkommen. Auch seine Arbeiter werden ihren Anteil haben. Jeder von ihnen bekam schon vergangenes Jahr 5200 Euro Bonus.
 

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Leser-Kommentare (23) zu diesem Artikel

@ganzbaf (7.9.2008, 17:33 Uhr)

Fehlgriff (7.9.2008, 13:10 Uhr)

Das Kapital (7.9.2008, 9:52 Uhr)

@Stern (7.9.2008, 9:29 Uhr)

Warum nixht, warum bloss? (7.9.2008, 8:49 Uhr)

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Zur Person

Hans-Ulrich Jörges wurde am 8. Dezember 1951 in Bad Salzungen/Thüringen geboren. Nach einer Ausbildung zum Wirtschaftsjournalisten bei der Nachrichtenagentur VWD in Frankfurt am Main absolvierte er ein Studium der Gesellschaftswissenschaften und wurde anschließend 1977 stellvertretender Inlandschef der Deutschlandzentrale der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn. 1985 arbeitete er für das Bonner Büro des stern und wurde 1986 Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Düsseldorf. 1989 übernahm er die Ressortleitung Politik beim stern und wurde 1990 stellvertretender Chefredakteur des Magazins. Von 1992 bis 2002 arbeitete er bei der Wochenzeitung "Die Woche", zunächst in der Entwicklungsredaktion, dann als Politikchef, stellvertretender Chefredakteur und ab 2001 als Chefredakteur. Im Mai 2003 wechselte er als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Büroleiter wieder zum stern.

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